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Früher waren die CSU und Bayern eins. Doch in Deggendorf holte die AfD bei der Bundestagswahl 2017 das beste Wahlergebnis in ganz Westdeutschland. Was ist passiert? Für die taz reiste Miriam Klingl zurück in ihre alte Heimat, um mit den Journalisten Viktoria Morasch und Philipp Daum dieser Frage nachzugehen.

In der Waldbahn, auf dem Weg nach Deggendorf, sitzt man sich auf Dreierbänken gegenüber. Es fühlt sich an wie auf Bierbänken. Sechs Alte sitzen so, reden über Ärzte, Kinder, ­Urlaube. Ein Paar mit Kinderwagen steigt ein, die Frau in grünem Mantel und mit Kopftuch, der Mann verschnupft. Sie setzen sich und sagen: „Grüß Gott“. Hier ist die bayerische Welt noch in Ordnung. Nur für die CSU ist seit vergangenem Sonntag gar nichts mehr in Ordnung.

Auszug aus einem Text von Viktoria Morasch und Philipp Daum

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38,8 Prozent der bayerischen Wähler­stimmen bekam die CSU noch, über zehn Prozent weniger als bei der Bundestagswahl 2013. In fast allen niederbayerischen Wahlkreisen wurde die AfD zweitstärkste Kraft, weit vor der SPD.

In der Gegend um die Flüchtlingsunterkunft bekam die AfD 31 Prozent der Stimmen.

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Ebner-Steiner beherrscht das Changieren zwischen Provokation und konservativ-seriösem Auftritt. Sie ist Profi, auch wenn sie erst vor gut zwei Jahren in die Politik „hineingestolpert“ sei. Es begann mit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Vieles fand sie zutreffend, „dann hat das so gegoren“. Die 39-jährige ­Buchhalterin, Mutter von vier Kindern, hat sich die FDP angeschaut und die CSU. Und die AfD. Zwei Wochen nach dem ersten Stammtisch wurde sie Mitglied.

Die Kandidatin der AfD, Katrin Ebner-Steiner

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„Altersarmut – außer der Linken und der AfD hat niemand dieses Thema angesprochen, vielleicht, weil das eben auch nicht zampasst: Existenzängste und Bayern.“ Gottfried Rösch, evangelischer Stadtpfarrer von Deggendorf, weiß, wie es sich anfühlt, hier ein Außenseiter zu sein. Zu Kriegsende war die Bevölkerung in Deggendorf zu 98 Prozent katholisch. Heute umfasst seine Gemeinde 6.000 Menschen, davon 4.000 Russlanddeutsche.

Gottfried Rösch, evangelischer Stadtpfarrer von Deggendorf.

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Für Rösch ist auch die Rhetorik der CSU am Aufstieg der AfD schuld. „Das AfD-Argument war: Wer CSU wählt, bekommt Merkel. Ich kann nicht als CSU gleichzeitig Merkel brüskieren und sagen: Wählt uns, dann bekommt ihr Merkel.

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Ende 2015 kamen an manchen Tagen Hunderte von Flüchtlingen in Deggendorf an. Gerüchte verbreiteten sich, dass etwa der Nettomarkt gegenüber der Unterkunft dichtmachen müsste, weil Asylbewerber ihn leer stehlen würden.

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Wer vom Deggendorfer Hauptbahnhof nach links geht, sieht einen großen Klotz mit glatter Fassade, eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. In der Gegend um die Flüchtlingsunterkunft bekam die AfD 31 Prozent der Stimmen.

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„Normalerweise bin ich immer hinterm Seehofer gestanden. Mein Vater hat den Strauß verehrt.“ Sie rudert mit den Armen: „Die CSU, das war immer ich.“ 2015 dann, im Flüchtlingssommer, bekam sie Zweifel. 2017 hatte Olga Stern genug gezweifelt.

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Wie tief die Krise der CSU reicht, lässt sich an der bayerischsten aller Institutionen beobachten, dem Stammtisch. An einem schweren Holztisch in der Ecke des Bräustüberl in Grafenau sitzen Sepp, Walter, Heinz, Horst, Rainer, Ingo und Frank beim Bier zusammen.

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Heinz: „Der Seehofer hat sehr große Schuld. Dass er immer wieder

kapituliert und zurückzieht.“ Horst: „Dass er ned zu dem steht, wos er sogt.“

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